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Falter
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09/05
Offener
Brief

BEISL-BIOTOP

Feiert der Grind sein Comeback? Im Gegenteil: Der Grind war nie weg. Vergessen Sie jetzt mal coole Designerbars und geschwätzige Gastroarchitektur – das legendäre Cafè Stadtbahn in Gersthof, eine der sonderlichsten Institutionen des 18. Bezirks, lebt auch nach dem Tod seiner Wirtin weiter. CHRISTOPHER WURMDOBLER

BEST OF GRIND: Mit Grind und Kegel

Originaltext aus Falter 09/05 vom 02.03.2005

Der Letzte knipst die Taschenlampe aus. Der Erste, der im Café Stadtbahn Dienst hat, knipst sie wieder an. Obwohl das Lokal vis-à-vis der Vorortelinienstation Gersthof seit mehr als 15 Jahren sein Stammbeisl ist, kennt Eckhard Mützner noch nicht alle Hindernisse auf dem Weg zwischen Eingangstür und Lichtschalter. Vor allem, wenn die Vorhänge zugezogen sind und es im Stadtbahn stockfinster ist. Mützner schaltet die Lichter an, die das mittelgroße Ecklokal zwar nicht gerade hell erleuchten, aber dem Ambiente die passend schummrige Beleuchtung geben.

Mützner, 42, seit zwanzig Jahren in Wien lebender Deutscher, Musiker und nach eigener Aussage Stammgast und „mit dem Lokal verheiratet“, wird den Laden heute Abend schupfen. Ganz im Sinne von Waltraud Sierek, jener Frau, die das Café Stadtbahn bis zu ihrem Tod im vergangenen Herbst betrieben hat. Ein legendärer Zufluchtsort für junge Gersthofer mit wenig Sinn für Poloshirts und Perlenketten, ein grindiges Biotop abseits der schnöseligen Szenelokale in der Gegend. So etwas wie das Stadtbahn dürfte es im 18. Bezirk theoretisch gar nicht geben. Gemeinsam mit der 75-jährigen Schwester der Wirtin, einer Kellnerin und einem Kellner Anfang zwanzig will Mützner versuchen, das Lokal am Fuße des Schafbergs weiterzuführen. Am 1. Jänner sperrte das Quartett das Gersthofer Beislbiotop für den großen Kreis der Stammgäste wieder auf, veränderte bis auf Lüftung und sanitäre Anlagen kaum etwas, dachte sich dafür eine Kulturschiene aus. An vier Abenden die Woche hat das Stadtbahn jetzt wieder geöffnet. Was da am Rand von Wien geschieht, klingt, als wäre die Fantasie eines Fernsehserienautors durchgegangen. Bleibt ein Bus der Linie 10A auf der Gersthofer Straße an der roten Ampel stehen, schauen die Fahrgäste neugierig ins Stadtbahn hinein: In Lokalen wie diesen spielt es jeden Abend einen Film, mal ist es eine Komödie, mal eine Tragödie, skurril ist das Programm auf jeden Fall.

Ein Linoleumboden in undefinierbarem Grau, kunststoffbezogene Kaffeehausbänke, Marmortische, schwarze Sitzmöbel und gelbe Gardinen; um die Bar rotes Linoleum, vier Stufen hinauf in die kleine Küche, an der Wand eine neonbeleuchtete Vitrine mit gesammeltem Chaos: wichtige Unterlagen, Abrechnungen, Schnapsflaschen und eine Sammlung klebriger Stofftiere. Von der schwarzen Decke baumeln ein Regenschirm, ein papierener Lampion und ein Gebilde, an dem sich eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger dreht. Der Finger deutet unaufhörlich auf die nikotingelben Wände, die zugepflastert sind mit Plakaten und Bildern. Neben Jimi Hendrix hängt ein Bild, das die Mutter der verstorbenen Wirtin zeigt, daneben ein indisches Motiv, seltsame Kunstobjekte, aktuelle Plakate und Ankündigungen für Veranstaltungen, die bereits vor Jahrzehnten stattfanden. Über dem Klavier ein graues Abendkleid: „Das war Waltrauds erstes Ballkleid“, erklärt einer der Gäste, vor seiner Halbliterflasche Ottakringer sitzend.

Sie gehen „zur Waltraud“, sagen Stammgäste noch heute, und halten den Namen der ehemaligen Wirtin in Ehren. Sie ist in jedem Winkel des Ecklokals präsent. Der dritte Tisch rechts diente ihr als Büro, hier machte sie ihre Buchhaltung. Noch immer liegt Papierkram herum, jeden Abend brennt eine Kerze auf dem Tisch, der für die Gäste tabu ist. Ebenso wie das Hinterzimmer, in dem früher ein Billardtisch, später der Wuzler stand. Hier befinden sich noch persönliche Dinge und das Bett, in dem die Lokalbesitzerin nach einem Beinbruch schlief, weil sie die Stiegen in die Dienstwohnung über dem Lokal am Ende nicht mehr schaffte. „Ich konnte gar nicht glauben, dass man in so einem verrauchten Lokal auch noch übernachten kann“, sagt ein Stammgast an der Bar. Mein „Luftkurort“ hat „die Waltraud“ ihr Lebenswerk angeblich immer genannt. Sie starb im Alter von 61 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs.

Neunzehnhundertsechzig, mit 17 Jahren, begann Waltraud Sierek im Kaffeehaus ihres Vaters zu arbeiten. Acht Jahre später übernahm sie das Lokal und machte es zur Institution. Das Stadtbahn, Lokal gewordener Wahnsinn, lebte und lebt von seinen Geschichten, seinem Stammpersonal vor und hinter der Budel, in unguten wie in nicht so schlechten Zeiten. Ende der Achtzigerjahre wurde die Gersthofer Straße jahrelang umgebaut, und viele Gäste blieben aus, da beantragte die Wirtin eine Bar-Konzession und durfte fortan bis vier Uhr früh offen halten. Das Stadtbahn hatte den Ruf, besonders derb zu sein. Die Nachbarn rebellierten gegen das Beisl in der noblen Gegend. Anfang der Neunzigerjahre musste man eine Zeit lang zusperren: Bei einer Razzia fand die Polizei Haschisch. Tausend Unterschriften wurden für den Fortbestand des Beisls „im öffentlichen Interesse“ gesammelt, und dann war „die Waltraud“ wieder da. Man betrachtete die resolute, jedoch äußerst verständnisvolle Wirtin aber nicht als Mutterersatz, sondern vielmehr als Kumpel. „Die Waltraud war genauso alt wie meine Eltern“, sagt einer, „aber sie war einfach cooler.“

Einst gab es über der Bar aus Resopal, in deren Vitrine Chips und Limo angeboten werden, einen Wolkenhimmel aus glitzerndem Tüll. Als der Himmel schwarz war vor Dreck und Nikotin, beschlossen Wirtin Waltraud und ihr Lebensgefährte Friedrich, den Glitzerstoff in eine Putzerei zu tragen. Allerdings konnten sie ihn nie wieder abholen, weil sie vergessen hatten, in welcher Putzerei der Himmel lag. Heute hängen tibetanische Gebetsfähnchen im Zigarettendunst. Der Lebensgefährte der Wirtin nimmt eine zentrale Stellung in der kollektiven Erinnerung der Stammgäste ein. Friedrich, der im Suff zu ihr brutal war und auch nüchtern nicht mehr alle Beleidigungen wiedergutmachen konnte. Der monatelang Dias seiner Exfreundinnen quer durchs Lokal an die Wände projizierte und der sich bei der „Speisekarte“ für die Vitrine vertippte und statt „Tortenecken“ „Totenecken“ schrieb – was jedem hier wurscht war und viele immer noch lustig finden. Dass die originale Verglasung der Eingangstüre zu einem Flickwerk aus verschiedenen Glasarten und sogar Blech geworden ist, liegt auch an dem ausgesperrten Friedrich, der heftig klopfend Einlass begehrte. Der Lebensgefährte segnete ein Jahr vor der Wirtin das Zeitliche.

Lokalverbot hatten schon einige im Gersthofer Beislbiotop. So wie der Trankler, dem die Wirtin aber aus Mitleid die Hanseln sammelte und die Bierreste mittels Trichter in eine eigene Sodaflasche kippte. Oder die Fossilien, die jahrzehntelang zum Stadtbahn-Inventar gehörten wie die abgenutzten Möbel. Der Typ, der an seinem Stammplatz unter der Uhr nur aufwachte, um Nachschub zu bestellen und zu rufen: „Wirtin, Alkohol!“ Die Dame, deren Bluse eines Abends Feuer fing und der man, mit einer Kronen Zeitung wachelnd, das Leben rettete. Die Gruppe Halbstarker, die zum Ruf des „Rockerlokals“ beitrugen, aber eigentlich harmlos waren. Hier tranken berühmte Kammersänger, hochrangige Beamte und Youngsters auf der Suche nach dem Abenteuer. „Das ist ein Lokal, in dem die verschiedensten Charaktere anzutreffen sind und in dem jeder mit jedem zurechtkommt“, sagt einer, den sie „13A“ nennen, weil er mal Busfahrer war. Seit neuestem könne man sich sogar wieder anlehnen, ohne mit dem Gewand picken zu bleiben: „Jetzt kann man da auch schon am frühen Abend und nüchtern hergehen.“

Seit Waltraud Siereks Schwester das Lokal mit den drei jüngeren Kellnern führt, wurde nämlich in Reinigungsmittel, neue Kloschüsseln und eine stärkere Lüftungsanlage investiert. Zumindest am Beginn eines Stadtbahn-Abends riecht es nicht mehr nach Tschick und Bier, sondern nach Putzmittel. Und auch die Fenster zur Gersthofer Straße hin putzt die 75-Jährige regelmäßig – „ärgerlicherweise“, wie einige Gäste bemängeln.

„Das Stadtbahn soll eine Bühne für die Stammgäste bleiben“, beschreibt Neowirt Eckhard Mützner seine Vision. Zwei Mal im Monat soll es Veranstaltungen geben, eher Konzerte und Kabarett als Literatur. Den „nicht pädagogisch klingenden“ Titel für die Reihe „Kat's Karavan“ haben Mützner und seine Kollegen einem frühen Radioprogramm der DJ-Legende John Peel entliehen: „Peel starb einen Monat und zwei Tage vor unserer Chefin. Beide waren ähnlich unabhängige und eigenwillige Persönlichkeiten.“ Außerdem habe die Waltraud Tiere sehr gemocht. Vergangene Woche wurde die rote Neonreklameschrift für „Kat's Karavan“ geliefert, die jetzt auf dem Klavier steht. Bei der ersten Veranstaltung spielte „Das Legendäre Stadtbahnquartett“ bei freiem Eintritt und Gratisgulasch.

Obwohl man zum Essen eher nicht das Café Stadtbahn aufsucht. Zum Kaffeetrinken auch nicht. Momentan gibt es im Stadtbahn nur Löskaffee, die Kaffeemaschine ist kaputt. „Toast geht gerade noch, aber der Kaffee ist die Höchststrafe“, meint Kellner Mützner. „Einmal hat es eine Steuerprüfung gegeben“, berichtet einer an der Bar. „Die vom Finanzamt konnten gar nicht glauben, dass die Waltraud im Jahr nur drei Tassen Kaffee verkauft. Dabei hätten sie bloß einmal einen Kaffee probieren müssen.“

Wer zum ersten Mal das Lokal in Gersthof besucht, hat Probleme, den Ausgang zu finden: Die Türe ist überklebt mit Plakaten und leicht zu übersehen. Den Ausweg aus dem Café Stadtbahn hat aber bisher jeder gefunden. Manche brauchen eben etwas länger. Und der Letzte knipst die Taschenlampe aus.

Café Stadtbahn, 18., Gersthofer Straße 47, Tel. 479 13 53, Mi–Sa 20–2 Uhr, www.cafe-stadtbahn.at

BEST OF GRIND

Mit Grind und Kegel

Hier riecht es nach Bierdunst, Tschick und – kurz nach dem Aufsperren – scharfen Putzmitteln. Die Stammgäste sind laut, der Umgangston meist rau. Das Bier bestellt man lieber flaschenweise (man kennt die Spülpraxis), Essen nur, wenn man entweder sehr hungrig oder sehr betrunken ist. Doch, doch, es gibt sie noch, die klassischen Grindbeisln und -kaffeehäuser. Und das ist manchmal auch ganz gut so. Hier eine Auswahl der besten der Stadt:

Café Bendl (Bückedich), 1., Landesgerichtsstraße 6, Tel. 408 30 87, Mo–Do 6–2, Fr 6–4, Sa 18–4, So 18–2 Uhr. Dunkles, nie renoviertes Kellerlokal (Hauptfarben: Orange und Nikotin) mit Musicbox (leider neuerer Bauart), gutem Bier und preisgünstigem Essen. Der Klassiker im Ersten für verlorene Tage und Nächte!

Café Alt Wien, 1., Bäckerstraße 9, Tel. 512 52 22, So–Do 10–2, Fr u. Sa 10–4 Uhr. Innenstadtklassiker, Stützpunkt der kroatischen Community und diverser Kunstschaffender. Sieht aus wie eine Höhle, riecht auch so. Überraschend gutes Mittagessen.

Café Rüdigerhof, 5., Hamburgerstraße 20, Tel. 586 31 38, tägl. 10–2 Uhr. Stammlokal der Berufsspaßmacher der Stadt. Die Inneneinrichtung wird hoffentlich nie renoviert. Der Garten ist schlicht großartig.

Nachtasyl, 6., Stumpergasse 53, Tel. 596 99 77, tägl. 20–4 Uhr, www.nachtasyl.net Wiens Becherovka-Station Nummer eins. Anlaufstelle für tschechische Emigranten und grantige Tschecheranten.

Zur Eisernen Zeit, 6., Naschmarkt 316, Tel. 587 03 31, Mo–Sa 8–22 Uhr. Wer genug hat von den Szenehütten am Naschmarkt und Abwechslung braucht, besucht die Eiserne Zeit.

Pandoras Box, 6., Kurzgasse 6, tägl. 17–4 Uhr, www.pandoras-box.at Eine der tiefsten Hütten der Stadt, der Wuzler ist nicht Hauptattraktion.

Café Drechsler, 6., L. Wienzeile 22, Tel. 587 85 80, Mo–Fr 3–20, Sa 3–18 Uhr. Der Klassiker für Nachtschwärmer, seit Jahrzehnten unverändert. Es halten sich allerdings Gerüchte, dass die Tage des Drechsler gezählt sind. Schnell noch hin, bevor McDonald's zuschlägt.

Adlerhof, 7., Burggasse 51, Tel. 523 62 40, Di–Fr 17–24 Uhr. Fernsehen unter Neonlicht beim Wirten. Authentischer geht's nimmer.

Galerie Café, 7., Lerchenfelder Str. 9–11, Tel. 523 42 32, Mo–Fr 14–2 Uhr, www.blues.at Original Siebzigerjahregrind und regelmäßig auch Blues live.

Carina, 8., Josefstädter Straße 84 (Stadtbahnbogen), Tel. 406 43 22, tägl. 17–2 Uhr, www.cafecarina.at Die willkommene Alternative zu den ganzen Elektroschuppen am Gürtel. In letzter Zeit sehr hippiemäßig. Selbstgebastelte Inneneinrichtung, uneingeschränkt sehenswert.

Café Weidinger, 16., Lerchenfelder Gürtel 1, Tel. 492 09 06, Mo–Fr 7–1, Sa 7–0.30, So 8–0.30 Uhr. Riesiges Kaffeehaus bei der Hauptbibliothek mit Kegelbahn im Keller, grantigem Kellner und wackligen Sitzgelegenheiten – also allem, was man so braucht.

Weinhaus Sittl (Zum goldenen Pelikan), 16., Lerchenfelder Gürtel 51, Tel. 405 02 05, Do–Di 10–23 Uhr. Unbedingt sehenswert: das Salettl im Garten. Die Speisen sind keinen Versuch wert, aber dafür ist der Pelikan atmosphärisch extrem dicht.

 

Cafe Stadtbahn 1180 Wien Gersthoferstrasse 47 +43 1 479 13 53

geöffnet von Dienstag - Sonntag 20:00 - 2:00 Montags geschlossen

FALTER Stadtzeitung Wien